Die erste Hälfte des Buches ist harte Kost, vor allem für männliche Leser: Da kotzt uns Maria Sveland all ihren Frust, ihre Wut vor die Füsse, ihre Unzufriedenheit mit Lebensbedingungen, die es Männern so leicht macht, es sich einfach zu machen und all die Bürde, die Last, das schlechte Gewissen vor allem den Frauen aufhalst, einverleibt - ein einziger Aufschrei gegen etwas, das Maria Sveland als Missbrauch erlebt, ungerecht und brutal. Doch dann - einmal so erleichtert - wendet sich der Stil, wird differenzierter und die "Bitterfotze" entpuppt sich als letztlich doch romantische Idealistin.
Zwei Zitate aus diesem Teil des Buches, die mich - weshalb auch immer - besonders angesprochen haben:
"Ich bin einverstanden mit 'Dankbarkeit' in dem Sinne, dass man in aller Ruhe innehalten kann und sehen, was man hat. Dass der Reichtum in Reichweite ist. Immer wenn man geglaubt hat, das Gras auf der anderen Seite sei grüner, musste man feststellen, dass dem nicht so war. Es erfordert auch eine gewisse Begabung, zu erkennen, was man hat." (Seite 123)
Und aus einem Gespräch mit einer alten Frau:
"'Ich bereue bestimmte Entscheidungen, aber ich bin nicht verbittert. Wenn ich sauer wäre wegen allem, was ich hätte tun sollen, und allem, was ich nicht getan habe, dann könnte ich nicht weiterleben. Ich versuche zu akzeptieren, dass es ist, wie es ist, und nachzuholen, was möglich ist, und Dinge zu machen, die ich früher nicht geschafft habe.' - 'Aber genau davor habe ich Angst', sage ich, 'ich möchte nicht gemein sein, aber ich will wirklich nicht in dreissig Jahren auf Teneriffa sitzen und meine Entscheidungen bereuen! Ich möchte die richtigen treffen!' - Mary schaut mich ernst an. - 'Ja, vielleicht schaffst du es ja, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber wenn es nicht gelingt, und vielen gelingt es nicht, sich immer richtig zu entscheiden, dann ist es sicher keine gute Idee, in dreissig Jahren hier zu sitzen und verbittert zu sein! Du musst lernen, damit zu leben, dass du dich vielleicht manchmal nicht richtig entscheidest.'" (Seite 250)
(Aus: Bitter Fotze, Kiepenheuer & Witsch, 2009)