Alle zehn Minuten, habe ich einmal irgendwo gelesen, durchzuckt ein Gedanke explizit sexuellen Inhalts Kopf, Herz und was sich sonst noch so durchzucken lässt; bei Männern jedenfalls; bei Frauen sei es eine halbe Stunde, im statistischen Durchschnitt.
Solche Gedanken haben Kraft, sind nicht blutleer, sie gehen mit Gefühlen einher und tragen Willensimpulse mit sich; sie erregen uns, laden uns auf. Gerade jetzt im Sommer, wo sie sich mit einer ganzen Flut von Sinneseindrücken verbinden, mit Wärme, Licht, mit Auslösereizen: nackten Beinen, Füssen, grosszügig Einblick gewährenden Dekolletés, stringverzierten Rundungen in eng anliegenden Röcken...
Man müsste es knistern hören. Man hört nichts, nur lärmige Geschäftigkeit. Kein Sex; der bleibt versteckt.
Wie gross ist das Ausmass dessen, was wir Stunde um Stunde verleugnen, verdrängen, verschieben, abspalten, zu verstecken trachten; unterdrücken? Wie gross die Frustration, die wir so anhäufen? Weil die Energie kein Ventil findet, keinen gesellschaftlich anerkannten Ausdruck? Weil es keine würdigen Räume gibt für sexuelle Impulse in unserer Gesellschaft?
Was wir öffentlich anfachen, drängen wir ab in private Räume hinter möglichst verschlossenen Gardinen. Oder in Klos und Bordelle, an den Stadtrand und auf Autobahnparkplätze. Keine Ecke im Stadtpark, im Freibad, in der es möglich ist zu zeigen, was man fühlt, auszudrücken, was einen bewegt, auszuleben, was sich nicht verstecken, was aufblühen will. Weshalb?
Wovor haben wir Angst, wenn wir fliessen liessen, was sich Bahn brechen will, wenn wir Sex zuliessen als Kommunikations- und Ausdrucksform, als (lustvollen) Teil des (alltäglichen) Lebens? Was würden wir verlieren ausser unseren Hemmungen, Beschränkungen, diesem verdrückten Teil in uns, der das Licht nur scheut, weil wir ihn nicht sehen wollen? Der strahlen könnte, wenn wir ihn nur liessen?
Auch wenn er nicht schön ist, nicht edel, nicht geläutert und "gut". Er ist; lasst ihn leben!